Gooool do Brasil – Kartografie einer nationalen Leidenschaft

Die Weltmeisterschaft in Brasilien naht und damit startet auch die Vermarktungsmaschinerie durch. Bücher, Musik und Filme über das Land, die Geschichte des (Welt-)Fussballs und vieles mehr überschwemmen den Markt. Weil meine Begeisterung für Fussball und Literatur bekannt ist, erreichen mich in dieser Zeit viele Buchvorschläge. Diesen begegne ich meist skeptisch. Zu oft wird Massenware produziert, die man angesichts des bevorstehenden Grossereignisses so einfach verkaufen kann, dass dabei die Qualität auf der Strecke bleibt. „Gooool do Brasil“ von Alois Gstöttner stellt eine angenehme Ausnahme dar.

Fussball ist bekanntlich viel mehr als ein 90-minütiges Spiel, bei dem 22 Sportler einem Ball nachrennen. Während in Westeuropa vermutlich nur ein Teil der Bevölkerung der Ansicht ist, dass Fussball durchaus Lebenssinn sein kann, dürfte in Brasilien nahezu die ganze Bevölkerung dieser Ansicht sein. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls Alois Gstöttner in seinem Buch, ohne dabei auf die ewig gleichen wie langweiligen Stereotypen von den „Samba-Kickern“ oder dergleichen zurückzugreifen und das Buch dabei mit Tanga-tragenden Strandschönheiten im Nationalmannschafts-Trikot zu illustrieren.

Gstöttner stellt gleich zu Beginn klar, um was es ihm in diesem Buch geht beziehungsweise wie er Fussball versteht: „Es sind Geschichten voller Hoffnung und Verzweiflung, Geschichten über Dramen, Spektakel und Tragödien, über Liebe und Hass, Pathos und Leidenschaft.“ Ein hoher Anspruch, dem er aber gerecht wird, wie sich an zwei Beispielen festmachen lässt. Da ist zum einen die Beschreibung der Situation unter einer grossen Blockfahne in der Fankurve der Corinthians, bei der es nicht darum geht, wie diese aussieht, sondern was diese Fahne symbolisiert und wie darunter ein regelrechter Mikrokosmos entsteht: „Für einige Minuten bin ich Teil dieser Bewegung, dieses populären und anziehenden Subkultur, dieses atmenden Körpers, Teil einer kollektiven Identität.“ Da ist zum anderen – meine persönliche Lieblingspassage – die Beschreibung einer Kabinenszene, die Gstöttner abschliesst mit „In meiner Zeit in Brasilien war ich nie glücklicher als hier und jetzt, in diesem kurzen Augenblick, in der Umkleidekabine von Boa Esperança.“ Nicht zuletzt damit liefert er den Beweis, dass Fussball mehr ist als nur 90 Minuten, dass der Glanz des Fussballs eben nicht nur aus einer „Ansammlung von Statistiken und Titeln in Tabellenform“ besteht.

Neben diesen persönlichen Erfahrungen ist das Buch angereichert mit Aussagen diverser Interviewpartnern – unter anderem Socrates – und Fakten zum Land und zur (Fussball-)Geschichte. Dabei erhalten auch die sozialen Missstände ihren Platz, ohne dabei zu anklagend oder zu verharmlosend zu klingen. Nicht zuletzt finden sich im Buch zahlreiche hervorragende Fotografien. Auch hier verzichtet Gstöttner darauf, ein 0815-Programm abzuliefern. Wenn es an diesem Buch etwas auszusetzen gibt, dann wäre das höchstens der manchmal fehlende rote Faden. Die Lexikon-Einträge beispielsweise, die im ersten Teil des Buches unbekannte Begriffe erklären, wären auch in den weiteren Teilen des Buches eine Bereicherung. Den Lesespass mindert das aber nicht: Unbedingte Kaufempfehlung!

Titel: Gooool do Brasil – Kartografie einer nationalen Leidenschaft
Autor: Alois Gstöttner
Typ: Buch über Fussball und seine gesellschaftlichen Implikationen
Preis: 24 Euro
Seiten: 176
Infos: www.club-bellevue.com
Empfehlenswert für: Alle, die sich auf die WM einstimmen wollen, ohne die übliche  Massenware zu konsumieren und die sich auch für Land und Leute interessieren. Auch, wer schöne und eher unkonventionelle Fotografien mag, wird Gefallen an diesem Buch finden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.